06 Apr

Eine Kurzgeschichte der besonderen Art

Auftrag im Rahmen des Deutschunterrichts des Jahrgangs 10 war es, sich durch ein Foto zu einer Kurzgeschichte inspirieren zu lassen … hier ein durchaus lesenswertes Ergebnis.

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Abgetaucht

Hemmungslos werde ich geschlagen. Immer und immer wieder. Schon seit mindestens zwei Minuten geht das so. Ich rufe um Hilfe. Ohne Erfolg. Die Dunstabzugshaube läuft. Meine Schreie – vergebens. Niemand da, bis auf den Koch und der schlägt mich skrupellos weiter. Der Schmerz ist groß. Wenig später koche ich vor Wut und Farbe kommt ins Spiel, aber die Schläge hören nicht auf. Sie werden härter. Der Mann mit Schürze kennt kein Erbarmen. Ein Entkommen ist quasi unmöglich. Ich werde von ihm in den Kühlraum gesperrt. Vier Stunden muss ich dort verweilen, allerdings kommt es mir eher wie eine halbe Ewigkeit vor. Es ist dunkel und ich habe das Gefühl, es würden sich kleine, fast unsichtbare Eiskristalle auf meiner Haut bilden und ich würde im nächsten Moment erfrieren. Man könnte meinen, dass es im Kühlraum wenigstens schön ruhig ist, aber das stimmt nicht ganz. Das Brummen des Kühlsystems, das Fluchen des Kochs gleich nebenan und dann klirrt auch noch das ein oder andere Mal ein Glas oder ein Teller. Dieser Seegang ist wirklich nichts für schwache Nerven. Der gute Mann in Schürze läuft im Nachbarraum auf und ab. Er wirkt ziemlich gestresst und brüllt einer zweiten Person andauernd etwas zu. Endlich ein Knarren, die schwere Tür zum Kühlraum öffnet sich und ein Lichtstrahl von draußen, lässt den Raum wieder erstrahlen. Unsanft werde ich vom Koch gepackt und in der Küche wieder abgesetzt. Der Mann mit Kochmütze und Schürze meint es ernst. Eiskalt reißt er mir die Haut vom Leibe. Ok, Schluss mit der Dramatik. Ich bin „nur“ ein Pudding, aber auch ich habe Gefühle! Dann geht alles ganz schnell. Er durchtrennt mich mit einem großen Küchengerät, teilt mich in 1.500 kleine Schälchen auf, dekoriert mich mit Schokostreuseln, die sich tief in mein Inneres bohren und schiebt mich auf einem Wagen an Deck. Dort schlägt er die Richtung der hungrigen Mäuler ein, die alle gestopft werden wollen. Der Koch ist überfordert und genervt, das merkt man ihm an. „Ich hab‘ keinen Bock mehr!“, schreit er. „Ich, ich ganz allein! Ich soll 1.500 Passagiere bekochen?! Das kann doch nicht sein!“ Plötzlich ein Ruck, ich stürze über die Reling ins Meer…

…und der Koch? Der springt hinterher! Gemeinsam tauchen wir ab.

Cheyenne Gaulke, 10bR
2013/14