23 Mrz

Eine Kurzgeschichte der besonderen Art

Das feuchte Grab

Der Auftrag im Rahmen des Deutschunterrichts in Jahrgang 10 war:

Suche dir im Duden einen Begriff aus und schreibe ihn auf. Zähle nun weiter und notiere jeweils den zehnten Begriff, bis du zehn Begriffe aufgeschrieben hast.
Diese zehn Begriffe sollen in deinem Text berücksichtigt werden und müssen mindestens einmal vorkommen und durch Unterstreichung oder Markierung erkennbar werden. Solltest du beim Durchzählen auf einen Begriff kommen, der dir gar nichts sagt, darfst du den davorliegenden oder den folgenden Begriff verwenden und von dort aus weiterzählen.

Die ausgewählten 10 Worte:

  • Nekrologium
  • Nektarine
  • Nelson (eng. Admiral)
  • nennenswert
  • Neodym (chem. Element; Metall)
  • Neon
  • Neoprenanzug
  • Nephralgie (griech. med. Nierenleiden)
  • Nerd
  • Nerva (röm. Kaiser)

„Jack!“, schrie sie. Ihr Neoprenanzug war an den Armen zerrissen und aus den Fetzen die an den Beinen übrig geblieben waren, quoll eine dunkle Flüssigkeit.
„Jack!!“, schrie sie noch einmal, dann krümmte sie sich plötzlich und fasste sich an den Bauch. Nephralgie, dachte er. Seit er Grace kannte, hatte sie dieses Nierenleiden gehabt.
„Scheiße.“ Sein Blick wanderte zu Morpheus. Er lag reglos in der Ecke. War er tot? Nein. Wenn man genau hinsah, sah man, dass sich seine Brust leicht hob und senkte. Urplötzlich klatsche ihm etwas auf die Wange. Es war Grace, die ihm eine Ohrfeige verpasst hatte. In ihren Augen stand das pure Entsetzten.
„Scheiße!“, sagte er noch einmal. Nein. Er schrie es fast.
Grace hielt sich an seinen Schultern fest. Sie schwankte so sehr, dass er Angst hatte, sie würde im nächsten Moment umfallen. Einfach umfallen und nicht wieder aufstehen. Allein bei dem Gedanken daran drehte sich ihm der Magen um.
„Wo ist das Nekrologium?“ Ihre Stimme war kaum zu hören.
„Jack. Was stand in diesem verdammten Buch?“
„N-Nichts! Zumindest nichts, was nennenswert gewesen wäre!“, sagte er und zog Grace an den Armen hoch, weil sie drohte abzurutschen.
„Es waren nur kleine, unbedeutende Leute für die sich niemand interessiert hätte. Nelson liegt hier nirgendwo und Nerva haben wir schon in Rom lokalisiert.“
„Aber irgendwas muss doch hier sein!“ Sie weinte und ihre Stimme überschlug sich fast.
Jack sah sich um. Suchte nach einem Ausweg. Nichts. War ja klar. Warum konnte auch keiner ihrer Aufträge so leicht sein, dass sie ihn einfach und schnell erledigen konnten und danach einfach wieder nach Hause fahren würden? War das denn zu viel verlangt?
„Jack.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Jack, mir ist kalt und ich habe Angst.“

Es war noch früh am Morgen gewesen, als sie der Anruf erreichte. Der Anrufer hatte genuschelt und ziemlich undeutlich geredet. Dennoch verstand Jack sofort, dass es sich um einen Notfall handelte.
Als er hörte, dass es um das alte Kloster auf dem Galgenberg ging, war er sofort Feuer und Flamme. Sie waren schließlich Geisterjäger und je mehr Geister sie eliminierten, desto höher war am Ende auch ihr Honorar.
Das Kloster in dem sie sich deshalb jetzt befanden war schon lange bekannt für seltsame und grauenerregende Sichtungen gewesen. Da waren zum Beispiel die Gehängten vor den schweren Toren, die mit geknickten Hälsen den Lebenden auflauerten. Oder auch die Cottonbrüder, die sich gegenseitig vor Jahrzehnten auf dem alten Klosterfriedhof erstochen hatten. Am grausamsten waren jedoch die Sichtungen, die von einem riesigen, wabernden Geist berichteten, dessen Haut wie Wachs von den Knochen tropfte. Dieser Geist war langsam, aber den Berichten zufolge konnte man auch schon lange vor seinem Erscheinen die Bösartigkeit spüren, die von ihm ausging.
In den Katakomben war alles ruhig geblieben. Sie hatten ein paar, desorientiert herumschwirrende Geister gesehen, aber dem Dicken waren sie nicht begegnet.
„Wer weiß.“, hatte Morpheus im Spaß gesagt. „Gleich steht er hinter einer Ecke und bewirft uns mit Büchern.“ Er hatte Grace zugezwinkert, die sich Augen verdrehend einer schweren Holztür widmete, die sie zu öffnen versuchte. Was niemand wusste: genau hinter jener besagten Tür lauerte der Geist und sollte sie von nun an durch die Gänge des alten Gemäuers jagen.
Aber was war überhaupt falsch gelaufen? Sie hatten sich doch genau über die Heimsuchungen und das Kloster informiert. Morpheus selbst war wie ein Irrer hin und her gerannt, war zum Städtischen Archiv gegangen und hing tagelang vor dem Computer, um so viel wie möglich über dieses verdammte Kloster zu erfahren. Dieser Nerd!
„Warte hier.“, sagte er zu Grace und setzte sie vorsichtig auf den nassen Boden. Einen Moment. Wieso zur Hölle war der Boden nass? Täuschte er sich vielleicht? Nein. Es war eindeutig. Von irgendwoher kam das Wasser in diesen Raum und verwandelte ihren Zufluchtsort in ein nasses Grab. Sie würden sich beeilen müssen.
„Wo willst du hin?“ Ihr Blick war immer noch verschleiert, aber ihre Stimme klang wieder ein wenig fester.
„Ich muss zu Morpheus und zusehen, dass ich ihn hierher bekomme.“
Sie nickte bloß stumm und schloss dann die Augen.
Die Neonlampen an der Decke warfen schaurige Schatten an die kalten Wände, während Jack sich vorsichtig auf Morpheus zubewegte.
„Hee. Morpheus!“ Er schüttelte ihn sanft.
Morpheus öffnete ein Auge, schloss es wieder und grummelte irgendetwas von Nektarinen.
„Was ist los, Kumpel?“
„Ich bring sie nochmal um. Als sie vorhin gestolpert ist, ist ihre Tasche mit den Nektarinen ausgekippt und ich bin auf einer ausgerutscht und habe mir den Kopf angeschlagen.“
„Das heißt, du warst die ganze Zeit wach?“ Jack war entrüstet.
„Komm mal wieder runter. Nein, ich war weggetreten. Jetzt hilf mir hoch.“
Langsam richtete Morpheus sich auf. Er wankte kurz, schüttelte dann leicht den Kopf und fand sein Gleichgewicht wieder.
„Was meinst du, was das für ’ne Art von Geist ist?“ Er sah sich in dem engen Raum um.
An den Wänden waren nun deutlich kleine Rinnsale zu erkennen, die sich schnell auf dem Boden sammelten und sich im ganzen Raum ausbreiteten.
„Hat der etwa die Ventile aufgedreht?!“ In seiner Stimme war nun deutlich die Furcht zu hören, die er sonst immer so gut zu verstecken wusste. Jack nickte.
„Scheint wohl, als hätten wir einen Poltergeist auf den Fersen. In den Gängen hat er uns ja mit Büchern beworfen.“
„Aber die Ventile bestehen aus altem Neodym, Jack!“
„Neo-was?“ Der Boden war nun komplett mit Wasser bedeckt.
„Metall! Die Ventile sind aus Metall! Der Geist dürfte sie erst gar nicht anfassen können!“
„Du meinst also, dass es nicht der Geist war?“
„Das ist zu vermuten. Oder…“ Er rückte seine zersplitterte Brille zurecht. „Oder wir haben es mit einem verdammt starken Geist zu tun.“
Etwas quietschte. Dann ein Rauschen. Aus den eben noch kleinen Rinnsalen wurden nun strömende Bäche.
„Scheiße! Wir müssen hier weg! Grace!“
Aber Grace war nicht mehr da. Sie stand schwankend vor der schweren Holztür, die Hand auf die Klinke gelegt.
„Grace! Nicht!“
Aber da war es schon zu spät und das Unheil nahm seinen Lauf …

Karlinka Schwarzwälder, 10bR